Stromspekulanten: Denn sie wissen nicht, was sie tun…

Von Uli Weber

Am 04.07.2019 meldete die BILD-Zeitung, Zitat mit Hervorhebungen:

„Im Juni kam es wiederholt zu Beinahe-Ausfällen im deutschen Stromnetz! Das berichtet die „FAZ“. Um einen Blackout zu verhindern, mussten die Stromanbieter teure „Regelenergie“ im Ausland zukaufen. Die Konzerne sprechen von „signifikanten Systembilanzabweichungen, welche die Systemsicherheit gefährden“. Schuld seien offenbar Starkwinde gewesen, die am 6., 12. und 25. Juni zur Abschaltung von Windrädern zwangen.

Auch im Visier der Bundesnetzagentur: Spekulanten auf dem Strommarkt, die Energie im europäischen Stromnetz verknappt hätten, um Geld zu machen.“

Spekulationen mit Just-in-Time Produkten sind nicht ganz so ganz einfach, wie sich das der durchschnittliche Journalist vorstellen mag. Denken Sie sich mal einen Burgerladen, der spekulativ 100 Burger warmhält. Wenn er die dann nach 6 Stunden noch als „Fast Food“ verkauft, sieht er seine Kunden nie wieder. Bei Strom ist es noch viel schlimmer, denn der muss genau zu der Zeit verbraucht werden, zu der er produziert wird. Versuchen Sie doch einfach mal, ein paar Kilowattstunden für den nächsten Stromausfall beiseitezulegen oder versuchen Sie, damit an der Strombörse spekulieren…

Schaunmeralsomalgenauerhin: Bei der Bundesnetzagentur findet man aktuelle und historische Strommarktdaten. Nachfolgend Erzeugung und Verbrauch vom 10. bis 15. Juni 2019:

 

Das sieht nicht wirklich gut aus, aber von Spekulanten ist dort nichts zu erkennen, sondern vielmehr von Problemen im Regelbereich der konventionellen Kraftwerke. Denn die Regelamplitude für die Stromproduktion scheint nicht mehr auszureichen, um der Tag/Nacht-Verbrauchskurve (rot) zu folgen. Während der mittägliche Solarpeak nur an sonnigen Tagen das mittägliche Maximum überschreitet, kann selbst der geringere Nachtbedarf nicht mehr bereitgestellt werden.

Schauen wir uns zum Vergleich einmal den Vorjahreszeitraum vom 10. bis 15. Juni 2018 an:

 

Drei Dinge sind im direkten Vergleich der beiden Zeiträume vom 10. bis 15. Juni sofort auffällig:

  1. Die Steinkohle ist offenbar der flexibelste konventionelle Stromerzeuger, denn ihr Beitrag schwankte 2018 im Tagesverlauf sehr viel stärker als Braunkohle und Kernenergie.
  2. Die Verbrauchskurve wird 2018 sehr viel besser von der Erzeugung abgebildet als 2019.
  3. Die Steinkohle hatte 2018 noch einen deutlich höheren Beitrag zur Stromerzeugung geliefert als 2019.

 

Bei einem aktuell geringen Beitrag der Steinkohlekraftwerke zur Gesamterzeugung können die Tag/Nacht-Schwankung des Strombedarfs also regeltechnisch nicht mehr aufgefangen werden. Und kaum sind wir den Kohlestrom los, der angeblich unser Stromnetz „verstopft“, schon haben wir Spekulanten am Hals. Diese „Spekulanten auf dem Strommarkt, die Energie im europäischen Stromnetz verknappt hatten“ sind also die deutschen Steinkohlekraftwerke. Die Stromproduktion aus Steinkohle in Deutschland dürfte sich von 2018 auf 2019 aber nicht ganz von selbst reduziert haben. Denn ohne entsprechende EEG-Subventionen hätten sie ihre Erzeugungsleistung wohl schon aus wirtschaftlichen Erwägungen gar nicht so weit herunterfahren können.

Wir müssen jetzt also regelmäßig nachts Strom aus dem Ausland importieren, wie es die die nachstehende Abbildung für den Zeitraum vom 26. Juni bis zum 06. Juli 2019 zeigt:

 

Was passiert da eigentlich gerade mit unserem Stromerzeugungssystem?

Es gab zwischenzeitlich ein paar Erfolgsmeldungen, der deutsche Stromexport sei erheblich gesunken. Offenbar wurde in Deutschland die Stromerzeugung aus Steinkohle erheblich zurückgefahren, um solche Meldungen verbreiten zu können. Die Kehrseite ist, dass die konventionelle Anpassung der Stromerzeugung an die Verbrauchsschwankungen nicht mehr funktioniert und sogar nachts erhebliche Strommengen aus dem Ausland zugekauft werden müssen. Und zum Dank dafür nennt man diese europäischen Notstromlieferanten dann auch noch „Spekulanten“…

Die wirklichen Stromspekulanten sind aber nicht auf dem europäischen Strommarkt zu finden, sondern bei den ideologischen Protagonisten des EEG in Deutschland, die offenbar schon wieder an einem für den deutschen Stromkunden sehr teuren Stellrädchen herumgespielt haben und jetzt ganz laut „haltet den Dieb“ schreien lassen…