Welcher Klimawandel am Tschadsee?

Die Gegend um den Tschadsee ächzt unter Terror und Klimawandel, berichtete Reuters am 3. September 2018. Terror, ja. Aber welcher Klimawandel? Das wollen wir genauer wissen und schauen dabei zunächst auf die Entwicklung der Niedeschläge aus der Region (Gebiet 10-20°Nord, 10-20°Ost), die wir von der Climate Research Unit (CRU) der University of East Anglia herunterladen (Abb. 1):

Abbildung 1: Emtwicklung der Niederschläge in der Region um den Tschadsee. Graphik: CRU.

 

Außergewöhnliche Veränderungen in den Niederschlägen sind am Tschadsee nicht zu erkennen, dafür aber eine ausgeprägte natürliche Variabilität in Form von Zyklen mit Perioden von mehreren Jahrzehnten. Kommt Ihnen der Verlauf der Niederschlagskurve auch irgendwie bekannt vor? Genau, die Ähnlichkeit mit dem Ozeanzyklus der AMO ist unübersehbar (Abb. 2).

Abbildung 2: Verlauf der Atlantischen Multidekadenoszillation (AMO) während der letzten 150 Jahre. Quelle: Wikipedia. By Rosentod, Marsupilami [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

 

Eine positive AMO bringt Regen in den westlchen  und zentralen Sahel. Nachzulesen z.B. in Lüning et al. 2018 und den dort genannten Zitaten:

The increase in MCA western Sahel precipitation may also be related to the generally positive phase of the Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO) at this time (Kuhnert and Mulitza, 2011; Mann et al., 2009) (Fig. 5) which typically increases moisture flux into the western Sahel from Atlantic sources in the south and west (Delworth et al., 2007; Martin and Thorncroft, 2014; Zhang and Delworth, 2006). According to Ting et al. (2011) the predominant precipitation pattern associated with the positive phase of the AMO is a northward shifted Atlantic ITCZ, resulting in increased rainfall from the western Sahel across the tropical North Atlantic to Central America.

Das Muster ist bereits seit vielen Jahrhunderten und vermutlich Jahrtausenden ausgebildet. Während der Mittelalterlichen Wärmeperiode nahm der Regen im Gebiet des Tschadsees zu, auch damals bereits gepaart mit einer positiven AMO (siehe Abbildungen 4 and 5 in Luening et al. 2018). Der Tschad See ist übrigens in den letzten 40 Jahren tatsächlich geschrumpft. Der Grund liegt jedoch nicht im Klimawandel sondern in der exzessiven Verwendung des Seewassers zur Bewässerung seit Mitte der 70er Jahre. Nachzulesen in Gao et al. 2011:

On the causes of the shrinking of Lake Chad
Over the last 40 years, Lake Chad, once the sixth largest lake in the world, has decreased by more than 90% in area. In this study, we use a hydrological model coupled with a lake/wetland algorithm to simulate the effects of lake bathymetry, human water use, and decadal climate variability on the lake’s level, surface area, and water storage. In addition to the effects of persistent droughts and increasing irrigation withdrawals on the shrinking, we find that the lake’s unique bathymetry—which allows its division into two smaller lakes—has made it more vulnerable to water loss. Unfortunately the lake’s split is favored by the 1952–2006 climatology. Failure of the lake to remerge with renewed rainfall in the 1990s following the drought years of the 1970s and 1980s is a consequence of irrigation withdrawals. Under current climate and water use, a full recovery of the lake is unlikely without an inter-basin water transfer. Breaching the barrier separating the north and south lakes would reduce the amount of supplemental water needed for recovery.

 

Siehe auch unsere früheren Blogpost “Sauberere US-Luft und AMO+ steigern Regenfälle in der Sahelzone. Wetlands International warnt vor Wassermissmanagement“. Hat sich die Gegend um den Tschadsee vielleicht in den letzten Jahrzehnten außergewöhnlich stark erwärmt? Ein Blick auf die Temperaturanomalienkarte von GISS bringt Klarheit: Nein, eher durchschnittlich bis unterdurchschnittlich (gelbe Farbe im zentralen Sahel) (Abb. 3).

 

Abbildung 3: Globale Erwärmung 1980-2010 laut GISS.

 

Keiner ist gegen humanitäre Hilfe, in diesem Fall kamen auf einer Tschadsee-Konferenz in Berlin mehr 2 Milliarden Dollar zusammen. Aber den behaupteten Zusammenhang zum Klimawandel gibt es schlicht nicht. Wenn dann den Leuten hierzulande falsche Migrationsgründe aufgetischt werden, muss man sich nicht über unangemessene Gegenreaktionen wundern.