Gletschersterben in Grönland überschätzt: Meeresspiegel steigt wohl doch langsamer als befürchtet

Vor einigen Jahren schockte der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf die Öffentlichkeit mit einer steilen These: Er glaubte Hinweise darauf gefunden zu haben, dass der Meeresspiegel bald sehr viel schneller ansteigen könnte als bislang. In einer Pressemitteilung von 2006 verbreitete Rahmstorf damals über die Webseite des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) die folgende Meldung:

Der Meeresspiegel könnte in den kommenden Jahrzehnten schneller steigen als bislang erwartet. Zu dieser Aussage kommt eine neue Studie des deutschen Ozeanexperten Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Anhand von Messdaten des 20. Jahrhunderts wies der Forscher einen engen Zusammenhang zwischen der globalen Temperaturerhöhung und der Geschwindigkeit nach, mit der sich der Meeresspiegel erhöht: je wärmer es wird, desto rascher steigt der Meeresspiegel. Bleibt dieser für das 20. Jahrhundert gefundene Zusammenhang auch für die kommenden 100 Jahre gültig, könnte der globale Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um 50-140 cm steigen. [...] „Die Tatsache, dass wir mit unterschiedlichen Methoden so unterschiedliche Abschätzungen erhalten, macht deutlich, wie unsicher unsere gegenwärtigen Meeresspiegelvorhersagen noch sind,“ sagt Rahmstorf. Ein wesentlicher Grund für diese Unsicherheit ist das Verhalten der großen Kontinentaleismassen inGrönland und der Antarktis, das nur schwer berechenbar ist. „Für ein gegebenes Erwärmungsszenario könnten wir auch den doppelten Anstieg des Meeresspiegels bekommen als man bislang erwartet hat.“

Nun sind seit Rahmstorfs furchteinflößender Studie sieben Jahre vergangen. Rahmstorf selbst gab damals an, dass die Eisschmelzsituation in Grönland eine große Rolle für den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg spielen würde. Wie hat sich das Verständnis des grönlandischen Eises seitdem entwickelt? 2012 erschien hierzu im Fachmagazin Science eine aufschlussreiche neue Studie, die von einer US-amerikanischen Forschergruppe um Twila Moon von der University of Washington veröffentlicht wurde. Das Team untersuchte mit Hilfe von Satellitenbildern die Fließgeschwindigkeiten von grönländischen Gletschern. Frühere Beobachtungen hatten für den Beginn des 21. Jahrhunderts eine starke Zunahme der Fließbewegung des Eises festgestellt. Twila Moon und ihre Kollegen erweiterten nun den Untersuchungszeitraum auf eine volle Dekade. Dabei mussten sie feststellen, dass die in den Schreckenszenarien angenommene einheitliche Beschleunigung überhaupt nicht existiert, sondern sich die Fließbewegungen in komplizierter räumlicher und zeitlicher Weise ständig veränderten. Beschleunigung und Verlangsamung der Gletscher wechselten je nach Gebiet und Beobachtungszeitraum. Unter Berücksichtigung dieses differenzierten Bewegungsmusters kommen die Autoren in ihrer Arbeit zu dem folgenden überraschenden Schluss, der den Kollegen in Potsdam nicht gefallen wird. Hier die Kurzfassung des Artikels:

Frühere Untersuchungen (Pfeffer et al. 2008) basierten auf einem kinematischen Ansatz und ermittelten eine Obergrenze von 0,8-2,0 m  für den Meeresspiegelanstieg im 21. Jahrhundert. Für die Eiskappe Grönlands wurde damals im minimalen theoretischen Szenario eine Verdopplung der Gletscherbewegung für 2000-2010 postuliert, während im maximalen Szenario die Beschleunigung sogar um eine ganze Größenordnung höher ausfiel. Im Rahmen unserer Ermittlung der Gletscherbewegungen für die Zeit von 2000 bis 2010 konnten wir zeigen, dass die wahren Gletscherbeschleunigungen bei Betrachtung des gesamten grönländischen Eisschildes deutlich unter diesen Schätzwerten liegen. Dies hat zur Folge, dass der mit der grönländischen Eisschmelze verbundene Meeresspiegelanstieg wohl deutlich unterhalb des bisherigen minimalen Szenarios liegen wird, nämlich bei 9,3 cm bis 2100 unter Berücksichtigung des aktuellen Trends. Eine zusätzliche Beschleunigung würde einen Meeresspiegelanstieg bewirken, der im Bereich des minimalen Szeanrios liegen würde. Die von uns durchgeführte Untersuchung einer großen Population von Gletschern, von denen sich eine Vielzahl signifikant verkürzt und ausgedünnt haben, kommt zu dem Ergebnis, dass eine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs im Bereich des früheren maximalen Szenarios, also eine Beschleunigung um eine ganze Größenordnung (46,7 cm bis 2100) nicht haltbar ist. Unsere Schlussfolgerung wird zudem durch neue numerische Gletscherbewegungsmodelle untermauert (Price et al. 2011).   

Siehe auch Beitrag “Die Zukunft de Polareises” in der Naturwissenschaftlichen Rundschau (65. Jahrgang, Heft 8, 2012) von Volker Kaminske.

 

Mit Dank an Nikola Friedl.
Siehe auch Artikel in der Welt.
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