Fehlerhafte Alarmstudie zum ozeanischen Wärmeinhalt erhält Corrigendum

Dirk Maxeiner zur kürzlichen Ozeanalarm-Studie (wir berichteten hier) am 11.11.2018 auf Achgut:

Der Sonntagsfahrer: Hühneraugen retten das Weltklima

Vor zehn Tagen lautete der Klima-Schadensfall der Woche: „Meere erwärmen sich offenbar stärker als erwartet“ (Bild-Zeitung). Wahlweise auch „Der Ozean nimmt mehr Wärme auf als vermutet“ (idw-online) oder „Cola-Effekt“ alarmiert Ozeanforscher: Erderwärmung ist weit größer als bekannt“ (Focus-online). Mit todsicherer Überzeugung wurde verkündet: „Die neue Berechnung zeigt also, dass weit mehr Wärme als bisher gedacht in die Ozeane gelangt ist. Das bedeutet aber auch, dass grundsätzlich durch die Gase, die von Menschen erzeugt werden, viel mehr Wärme entsteht als angenommen“. 

In vielen Jahren hat mich die Erfahrung gelehrt, solche Tatarenmeldungen erst einmal ein wenig abhängen zu lassen und zu warten, bis jemand mit guten Rechenkenntnissen die sensationelle Erkenntnis überprüft. Dies ist inzwischen geschehen. Das Ergebnis lautet, dass ein todsicherer Rechenfehler der Grund für die hitzige Dampferzeugung der vergangenen Woche ist, nicht etwa Kohlendioxid. Der Klimawissenschaftler Nicholas Lewis hat sich die veröffentlichten Daten angesehen und kommt zu dem Schluss: „Wenn Sie den Trend richtig berechnen, ist die Erwärmungsrate nicht schlechter, als wir dachten – sie entspricht weitgehend den bisherigen Schätzungen“. Lewis verbindet damit Hoffnung: „es wäre wichtig, dass die Medien, die die Ergebnisse der Studie kritiklos in die Welt hinausposaunten, eine entsprechende Korrektur veröffentlichen.“

Weiterlesen auf Achgut.

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Einer der beteiligten Wissenschaftler hat mittlerweile die Flucht nach vorne angetreten und die Fehler in der Studie eingeräumt. Die Washington Post berichtete am 13. November 2018:

Scientists acknowledge key errors in study of how fast the oceans are warming

A major study claimed the oceans were warming much faster than previously thought. But researchers now say they can’t necessarily make that claim.

Scientists behind a major study that claimed the Earth’s oceans are warming faster than previously thought now say their work contained inadvertent errors that made their conclusions seem more certain than they actually are. Two weeks after the high-profile study was published in the journal Nature, its authors have submitted corrections to the publication. The Scripps Institution of Oceanography, home to several of the researchers involved, also noted the problems in the scientists’ work and corrected a news release on its website, which previously had asserted that the study detailed how the Earth’s oceans “have absorbed 60 percent more heat than previously thought.”

Weiterlesen in der Washington Post

In der Pressemitteilung der Scripps Oceanographic Institution wurde nun die folgende Ergänzung vorgenommen:

Note from co-author Ralph Keeling Nov. 9, 2018: I am working with my co-authors to address two problems that came to our attention since publication. These problems, related to incorrectly treating systematic errors in the O2 measurements and the use of a constant land O2:C exchange ratio of 1.1,  do not invalidate the study’s methodology or the new insights into ocean biogeochemistry on which it is based. We expect the combined effect of these two corrections to have a small impact on our calculations of overall heat uptake, but with larger margins of error.  We are redoing the calculations and preparing author corrections for submission to Nature.

Selbst Science berichtete am 14. November 2018 über den Fehler:

High-profile ocean warming paper to get a correction

Scientists behind a major study on ocean warming this month are acknowledging errors in their calculations and say conclusions are not as certain as first reported.

The research, published in the journal Nature, said oceans are warming much faster than previously estimated and are taking up more energy than projected by the U.N. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) [Climatewire, Nov. 1]. After a blog post flagged some discrepancies in the study, the authors, from the Scripps Institution of Oceanography in San Diego, California, and Princeton University in New Jersey, said they would submit a correction to the journal. The overall conclusion that oceans are trapping more and more heat mirrors other studies and is not inaccurate, but the margin of error in the study is larger than originally thought, said Ralph Keeling, a professor of geosciences at Scripps and co-author of the paper. “These problems do not invalidate the methodology or the new insights into ocean biogeochemistry on which it is based, but they do influence the mean rate of warming we infer, and more importantly, the uncertainties of that calculation,” said Keeling in a statement on RealClimate.org.

Weiterlesen auf Science.

Am selben Tag titelte die Washington Times:

Scientists correct widely reported ocean-warming study after errors found

Study’s alarming finding of fast-heating oceans walked back

Weiterlesen in der Washington Times

Auch das Kieler Geomar hatte am 1.11.2018 eine reißerische Pressemitteilung zur Studie herausgegeben. Auf der Presseseite der Uni Kiel sucht man eine Korrektur zwar vergebens. Dieselbe Meldung wurde jedoch auch auf der Geomar-Webseite gepostet, wo sich seit dem 15.11.2018 der folgende Hinweis findet:

Ergänzung vom 15.11.2018:

Wissenschaft besteht aus Diskussion und dem Hinterfragen früherer Ergebnisse. Im Fall der am 01.11.2018 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Studie Resplandy et. al. (2018) haben Fachkollegen die Autorinnen und Autoren auf Probleme in ihrer Berechnung zur Wärme-Aufnahme im Ozean aufmerksam gemacht. Diese Kritik stellt nicht die Methodik oder die neuen Erkenntnisse der Ozeanbiogeochemie, auf denen sie basieren, infrage. Sie beeinflussen aber die mittlere Erwärmungsrate, die die Autoren ableiten, und vor allem die Unsicherheiten dieser Berechnung.

Die Kernergebnisse sind unverändert, d.h. die Wärmeaufnahme des Ozeans liegt am oberen Rand bisheriger Abschätzungen und deutlich höher als im jüngsten IPCC-Bericht angegeben. Allerdings führt eine Korrektur der Fehlerrechnung zu dem Ergebnis, dass sie im Mittel nicht mehr 60 Prozent höher liegt als im IPCC-Report, sondern nur noch 50 Prozent. Das wesentliche Ergebnis der Korrektur ist der deutlich größere (Faktor 3) Fehlerbalken.

Speziell der Beitrag der Kieler Meeresforschung zu diesem Paper, die Überprüfung der neuen Methode anhand von Modellrechnungen, bleibt davon unberührt. Diese neue Methode, mit der ohne eine einzige Messung im Wasser die globale Wärmeaufnahme des Ozeans genau abgeschätzt werden kann, wurde nicht kritisiert. Ein formales Corrigendum haben die Autorinnen und Autoren am 14.11.2018 bei Nature eingereicht. Eine ausführliche Beschreibung der Kritik und der Korrekturen finden Sie hier: www.realclimate.org/index.php/archives/2018/11/resplandy-et-al-correction-and-response/