Enttarnt: Über angebliche Mississippi-Klimaflüchtlinge, die gar keine sind

Lange haben sich die Wettermenschen vom staatlichen Sender SRF vorsichtig zurückgehalten, aber jetzt kam wohl eine Anweisung von oben, endlich das nasse Frühjahrswetter propagandistisch wirkungsvoll auszuschlachten. Am 9. Juni 2016 schrieb SRF-Redakteur Felix Blumer:

Dauerregen über Europa: Hat das System?
Die Unwettermeldungen häufen sich in der letzten Zeit. Das Wetter ist dabei, sich zu verändern. Eine Regenphase bleibt nicht mehr nur ein paar Tage – ebenso wie es immer längere Trockenperioden gibt. Schuld daran ist die starke Erwärmung in den nördlichen Breiten. [...] In den letzten Jahren scheint unser Wetter immer mehr von langanhaltenden Wetterlagen beeinfluss zu werden. Immer öfter scheinen wir über Wochen die gleiche Wetterlage zu haben. Noch sind diese stationären Wetterlagen wissenschaftlich zu wenig erfasst, es scheint aber System zu haben. Mögliche Ursache könnte die starke Erwärmung in den hohen nördlichen Breiten sein. Die Temperaturdifferenzen zwischen den arktischen Gebieten und den mittleren Breiten wird geringer. Dies führt gemäss Theorie zu einem vermehrten Austausch der Luftmassen von Norden nach Süden und umgekehrt. Gleichzeitig wird gemäss Theorie die Westströmung immer träger. Dies bedeutet, dass die Westwindlagen, die uns das rasch ändernde Westwindwetter bringen, seltener werden.

Ganzen Beitrag beim SRF lesen.

Es ist menschlich, sich von kürzlichem Extremwetter (ver-) leiten zu lassen. Aus wissenschaftlicher Sicht liegt Blumer jedoch falsch, wie eine neue Publikation in den Geophysical Research Letters gerade erst aufdeckte. Ein Forscherteam um Daniel Kennedy berichtete dort, dass blockierte Wetterlagen im Zuge des Klimawandels vermutlich seltener werden. Die Studie erschien kurioserweise am selben Tag wie der SRF-Beitrag…

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Peter Winkler beging am 23. Juni 2016 in der Neuen Zürcher Zeitung ein gelbverdächtiges Faulspiel. In der Titelzeile verkaufte er seinen Lesern blauäugige Indianer als Klimaflüchtlinge, die sich aber bei näherem Hinsehen als etwas ganz Anderes entpuppten:

Klimawandel in den USA: Die letzten Indianer der Isle de Jean Charles
Erosion, Bodensenkung und der steigende Wasserspiegel im Golf von Mexiko bedrohen die Heimat eines kleinen Indianerstamms im Mississippidelta. Doch weggehen ist nicht einfach. [...] Die Bewohner der Isle de Jean Charles sind schon fast eine Berühmtheit: Sie sind indianischer Abstammung, Teil eines Stammesverbands, der sich Biloxi-Chitimacha-Choctaw nennt. Und im Januar erhielten sie aus einem Washingtoner Fonds, der die Auswirkungen von Küstenerosion, Bodensenkung und Klimawandel lindern soll, eine Tranche von 48 Millionen Dollar, um sich an einem sichereren Ort eine neue Heimat aufzubauen. Seither gelten sie als Amerikas erste Klimaflüchtlinge, was vielleicht nicht besonders treffend ist, dafür aber bei der Vermarktung der Hilfsgelder umso besser klingt. Tatsache ist, dass ihre Insel unaufhaltsam schrumpft. In den vergangenen 60 Jahren gingen weit über 90 Prozent des Territoriums verloren. Geblieben ist ein Streifen von gut einem Quadratkilometer Grösse.

Es ist bedauerlich, dass das Stammesgebiet so sehr schrumpft. Aber ist wirklich der Klimawandel der böse Bube? Winkler klärt freundlicherweise selber über die Ursachen auf und musste über seine kleine Schummelei bei der Verpackung der Story vielleicht selber schmunzeln:

Die Prognosen sind eindeutig: Auch der Wasserspiegel des Golfs von Mexiko wird wegen der Klimaerwärmung ansteigen, wegen zusätzlicher Faktoren vermutlich sogar überdurchschnittlich stark. Doch was beschleunigte die Zerstörung der Isle de Jean Charles über die natürliche Erosion hinaus? Bei der Antwort steht der Mensch im Mittelpunkt: Die Öl- und Gaswirtschaft hat für Infrastruktur und Logistik viele Kanäle gegraben, durch die das Meerwasser ungehindert in die Bayous strömt. Zudem bringt das Mississippi-Flusssystem wegen Staudämmen, Begradigungen und Schleusen immer weniger Sedimente ins Delta, wodurch die natürliche Erosion und das normale Absinken des Bodens nicht mehr kompensiert werden. Das endgültige Todesurteil für die Isle de Jean Charles sprach schliesslich das Projekt der riesigen Sturm- und Hochwasserschutz-Anlage «Morganza to the Gulf»: Das geplante System aus Deichen, Dämmen und Schleusen verläuft aus Kostengründen an seiner südlichsten Seite weit im Norden der Isle de Jean Charles, was die Insel nun völlig von der Frischwasserzufuhr des Mississippi abschneidet.

Flussdeltas sinken allgemein ständig ab, in vielen Fällen mit Raten, die den globalen Meeresspiegelanstieg stark übersteigen und in den Schatten stellen. Das gilt auch für den vorliegenden Fall. Dazu kommt im vorliegended Fall das Ausquetschen von Salzschichten im tiefen Untergrund.

Laut Törnqvist et al. 2008 sinkt das Mississippidelta um durchschnittlich 10 mm pro Jahr ab, ein Betrag der die gobale Meeresspiegalanstiegsrate um das vier- bis fünffache übersteigt. Der Klimawandel spielt hier wirklich ur unter ferner liefen mit. Noch krasser ist das Abschneiden von der Sedimentzufuhr. Damit wird dem Delta sprichwörtlich die Zukunft verbaut. Auch dies hat rein gar nichts mit dem Klimawandel zu tun. In der Regel wachsen Deltas nämlich mit dem Meeresspiegel mit, was nun durch die Dammanlagen unmöglich gemacht wird. Bei den Indianern handelt es sich daher keineswegs um Klimaflüchtlinge, sondern Opfer der der Deltasubsidenz sowie eben jener Schutzanlagen, die eigentlich das Leben sicherer machen sollten. Dumm gelaufen.