Die Zeichen stehen auf Frost

Nach der ersten Kältewelle (siehe „Und plötzlich wurde es kalt in Deutschland“) stellen wir uns natürlich jetzt die Frage, wie denn der Winter so werden wird. Die vergangenen Winter waren zum Teil ziemlich hart. Geht dies trotz Klimawandel so weiter oder kommen bald die von Mojib Latif angekündigten schneelosen Winter?

Über die wenig hoffnungsfrohe Winterprognose der Rutgers University haben wir bereits berichtet (siehe „Klimawissenschaftlerin der Rutgers University: Europa steht möglicherweise erneut ein harter Winter ins Haus“). Nun legte auch der Britische Wetterdienst nach und kündigte einen britischen Winter an, der kälter als der Durchschnitt ausfallen soll. Der Meteorologe Jim Dale erklärte der Zeitung Metro gegenüber:

Wir sagen eine Periode von Mitte November bis Ende Januar voraus, die kälter als der Durchschnitt ausfallen wird. Es wird zu gewissen Zeiten größere Schneemengen geben, besonders im Norden und Osten [Großbritanniens], auch London wird Schnee abbekommen. Die Tiefsttemperaturen werden in Südengland bis auf -10°C heruntergehen, in Teilen Schottlands sogar bis auf -18°C.

Auch für die Ostküste der USA ist für diesen Winter 2012/2013 mehr Schnee als üblich vorhergesagt. Interessant wird es auch für eine Faustregel, die Hans Graf von der University of Cambridge und Davide Zanchettin vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg entwickelt haben. Sie haben eine Faustregel aufgestellt, mit der sich Monate im Voraus prognostizieren lässt, ob der Winter kalt oder mild wird. Spiegel Online berichtete darüber am 18.1.2012:

Die Faustregel der Forscher für die Winterwetter-Prognose in Deutschland lautet, dass es in Deutschland einen frostigen Schneewinter gibt, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Im Zentralpazifik herrscht seit Monaten El Niño, das heißt, das Meerwasser an der Oberfläche ist deutlich wärmer als sonst.
  • Breitet sich das warme Wasser aber nach Osten bis an die Küste Südamerikas aus, sinken die Chancen auf einen kalten Winter in Mitteleuropa.
  • Es gab keine großen Vulkanausbrüche – sie verändern das Wettergeschehen.

Die Fachwelt staunt: “Ich finde die Arbeit sehr hilfreich”, sagt Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, einer der weltweit führenden El-Niño-Experten. “Das ist eine interessante Veröffentlichung”, ergänzt der Klimatologe Eduardo Zorita vom Helmholtz-Zentrum für Küstenforschung in Geesthacht.

Wie aber funktioniert die Fernwirkung von El Niño auf das Europawetter? Auslöser sei der warme Zentralpazifik, aus dem ungewöhnlich viel Wasser verdunste, berichten Graf und Zanchettin: Die Luft steigt auf, bildet mächtige Wolken über dem Meer. Wenn Wolken wachsen, wird Wärme frei, die sogenannte Kondensationswärme – sie setzt in höheren Luftschichten eine Wetterkaskade in Gang.

Erinnern wir uns kurz an die Kältewelle des letzten Winters im Februar 2012. In Rom und dem libyschen Tripolis gab es damals Schnee. In Russland starben mehr als 200 und in ganz Europa mehr als 600 Menschen durch die Kälte. Auch in Deutschland herrschte klirrende Kälte. Der Meteorologe Jeff Masters stufte den Temperatursturz als Europas schlimmste Kältewelle seit Februar 1991 ein.

Auch die Winter davor waren außerordentlich kalt (siehe S. 97-98 in „Die kalte Sonne“). So verzeichnete Irland Ende 2010 den kältesten Dezember der gesamten Messgeschichte. In der Mongolei ereignete sich 2009/2010 der kälteste Winter der letzten 50 Jahre. Hirten verloren fast zwei Drittel ihrer Herden aufgrund des harten Winters.

Aber wie läßt sich die enorme Winterkälte der letzten Jahre eigentlich mit der Modernen Wärmeperiode in Einklang bringen, in der wir uns derzeit befinden? Es gibt mehrere Ideenansätze hierzu. So soll der Rückgang des arktischen Meereises zu mehr Wasserdampf in der Atmosphäre führen. Dadurch wird der Jetstream so verändert, dass sich kalte Wetterlagen länger an einem Ort halten können. Mehr Schneefall unterstützt die Abkühlung (siehe Frankfurter Rundschau, heise.de, icecap.us, WUWT, Judith Curry, PNAS, NIPCC, accuweather, Cornell University).

Schon gibt es die ersten Stimmen, die einen harten Winter für Europa und Nordamerika vorhersagen, da das arktische Eis diesen Sommer (2012) besonders gelitten hat.

Ein geologischer Blick zurück in die letzten 1000 Jahre bringt etwas Beruhigung. Eine Studie über die Schneemengen der Anden in Chile und Argentinien konnte jetzt zeigen, dass sich die heutigen Schneefallmengen noch voll und ganz im Bereich der natürlichen Schwankungsbreite bewegen.

Eine andere Studie schaut mit IPCC-Modellen in die Zukunft und sagt, dass es auch zukünftig Kältewellen geben wird. Allerdings würden die Tiefsttemperaturen dann etwa 5 Grad wärmer sein als heute.

Die Kältewellenserie der letzten Winter und die ausbleibende globale Erwärmung der letzten 16 Jahre hat die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung nicht davon abhalten können, in guter IPCC-Manier mit einer dramatischen Prognose für helle Aufregung im Tiroler Tourismus zu sorgen. Die Tiroler Tageszeitung schreibt dazu am 4.9.2012:

Der Klimawandel sei unaufhaltsam, bis zum Jahr 2100 werde die Durchschnittstemperatur um sechs Grad oder noch mehr steigen. Demnach würden höher gelegene Skigebiete noch eine Weile Winter bieten können, zahlreiche niedrig gelegene aber nicht mehr.

Die Aussagen von Kromp-Kolb lassen den ÖVP-Tourismussprecher und Obmann der österreichischen Seilbahnwirtschaft, Franz Hörl, rotieren: „Ich weiß, dass es Wissenschafter schwer haben, wenn sie mit nüchternen Fakten an die Öffentlichkeit gehen wollen. Was aber die geschätzte Frau Professor da macht, das klingt nach pauschaler Angstmache und Wissenschaftspolemik. Damit kommt man vielleicht in die Zeitung, aber nicht in den Olymp der Wissenschaft.“ […] Weit gemäßigter als Kromp-Kolb beurteilt auch Reinhard Böhm von der ZAMG Abteilung Klimaforschung die Aussichten. Der Klimawandel sei Tatsache, das Ausmaß der Erwärmung bis 2100 könne sich aber je nach Modell von plus 1 bis 7 Grad bewegen. Offen sei auch die Niederschlagsmenge. Ab 2050 könnten auch höhere Skigebiete tatsächlich Probleme bekommen. Welche, sei offen, da die Folgen oft sehr kleinräumig verschieden seien. In den letzten Jahren habe es im Winter gar keine Erwärmung gegeben.

 

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